Leseprobe

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Hier kannst du die ersten siebzehn Seiten von Libidos lesen und einen Vorgeschmack von dieser aussergewöhnlichen Insel bekommen.

Libidos – Das geheime Matriarchat

Irgendwo im Ionischen Meer gibt es eine Insel mit dem Namen Libidos. Niemand hat sie jemals auf Google Maps oder in einem Atlas gefunden. Sie ist nicht kartographiert. Ihren Bewohnern ist es gelungen, bis heute unentdeckt zu bleiben.

Denken Sie etwa, das sei unmöglich? Was macht Sie da so sicher? Halten Sie es für ausgeschlossen, dass es auf unserer Erde Völker gibt, von denen wir nichts wissen? Und was wäre, wenn sie über Fähigkeiten und Technologien verfügten, die uns weit überlegen sind? Sie meinen, das sei nicht möglich, ohne dass wir es bemerkt hätten?

Kennen Sie nicht auch das unbestimmte Gefühl, dass in Ihnen verborgene Talente und Kräfte schlummern? Was wäre, wenn ich Ihnen versicherte, dass sie mit Ihrem Gefühl richtig liegen? Vor Tausenden von Jahren benutzten wir diese Fähigkeiten, ohne darüber nachzudenken. Sie waren für uns so selbstverständlich wie der Schlaf. Heute dagegen, wissen wir nicht einmal mehr, dass es sie gibt und sie jederzeit abrufbar sind.

Die Bewohner von Libidos haben jene Fähigkeiten scheinbar nicht vergessen. Sie haben vor langer Zeit kollektiv entschieden, dass ihre kleine Insel unsichtbar bleiben sollte. Mit Ihren Kräften schufen sie ein holographisches Bild des Meeres und legten es in einer passenden Entfernung um und über die Insel. Das machte sie für vorbeifahrende Schiffe und Flugzeuge wie auch Satelliten nicht erkennbar. Ein holographisches Bild des Meeres herzustellen, war eine der leichtesten Übungen für die Libiden, waren sie doch umgeben vom Meer, soweit man blicken konnte.

Sie glauben mir nicht? Sicher fragen Sie sich, wieso ich diese Insel kenne und solche Behauptung aufstellen kann? Wie sollte ich sie denn entdeckt haben, wenn sie doch für Aussenstehende unsichtbar ist? Ganz einfach: Ich wurde von ihrer Königin persönlich eingeladen.

Mir ist bewusst, dass Sie mir auch das nicht glauben wollen. Zugegeben, was ich Ihnen zu erzählen habe, hätte ich selbst nie für möglich gehalten. Ich versichere Ihnen, dass ich die Wahrheit schreibe und nichts als die Wahrheit. Hätte ich die Wahl, alles noch einmal zu erleben oder nicht, ich würde keine Sekunde zögern. Ich würde mich ein weiteres Mal von einem Tsunami erfassen lassen, der jede Orientierung in meinem Leben fortschwemmt und meinen Verstand aufs Äusserste auf die Zerreissprobe stellt. Dabei fing alles ganz harmlos an, wie im Wagen einer Achterbahn, der zunächst gemächlich nach oben klettert, während Sie genüsslich den Ausblick bewundern, um dann atemberaubend schnell in die Tiefe zu stürzen, blitzschnell die nächste Kurve zu nehmen und sofort danach für die nächste Überraschung zu sorgen. Doch bevor wir in den Wagen klettern, will ich mich Ihnen kurz vorstellen.

Ich heisse Periandros Tataros. Nennen Sie mich einfach Peris. Alle tun das. Ich wohne in Athen. Ich bin siebenunddreissig, doch die sieht man mir nicht an. Jeder schätzt mich auf Anfang Dreissig. Das liegt hauptsächlich daran, dass ich viel Sport treibe und mich gesund ernähre. Meine Freunde finden, dass ich sehr gut aussehe, was ich ganz sicher meinen Eltern, Gott hab sie selig, zu verdanken habe. Athen war meine Welt. Hier war ich aufgewachsen.

Meine Eltern besaßen eine Firma, Terrasana, die sich auf landwirtschaftliche  Informationstechnologien spezialisiert hatte. Das muss Sie jetzt nicht weiter interessieren. Ich würde mich hier völlig verzetteln, wenn ich dazu noch mehr schreiben würde. Meinen Eltern war damals wichtig, dass aus mir ein Akademiker wurde und ich tat ihnen den Gefallen. Allerdings studierte ich weder Biologie noch Physik, wie mein Vater es von mir erwartet hatte. Für ihn war nämlich selbstverständlich, dass ich als einziges Kind das Familienunternehmen weiterführen würde.

Als Jugendlicher hatte ich deshalb unzählige, heftige Diskussionen mit meinem Vater, bis er schließlich respektierte, dass die Führung unserer Firma nicht zu meinen Zukunftsplänen gehörte. Zähneknirschend versprach er mir, rechtzeitig für einen anderen Nachfolger zu sorgen.

Befreit von familiären Zwängen studierte ich Geschichte und Philosophie. Besonders Philosophie war meine wahre Leidenschaft. Ich wollte alles über die alten Griechen wissen, die Erfinder der Demokratie. Mich faszinierten die großen Männer der Antike wie Pythagoras, Thales von Milet, Heraklit und unzählige andere. Wussten Sie, dass sich die Zeitgenossen Pythagoras und Heraklit spinnefeind waren? Heraklit hatte Pythagoras als “Oberschwindler” bezeichnet. Dabei kannten sie sich nicht einmal, denn Pythagoras war nach Italien gezogen und Heraklit lebte im damaligen Kleinasien.

Das Studium viel mir leicht und ich schloss meine Zeit an der Uni als einer der jüngsten Doktoren der Philosophie ab. Was für ein Gefühl! Das sü.e Leben lag vor mir.

Doch es kam anders. Nur ein halbes Jahr nach meinem Abschluss waren meine Eltern mit dem Auto von einer Küstenstra.e abgekommen und ins Meer gestürzt. Glücklicherweise gab es einen Zeugen, der mit seinem Wagen hinter ihnen fuhr und geistesgegenwärtig die Polizei anrief. Ohne ihn würde ich heute noch rätseln, was mit meinen Eltern geschah, denn man hatte sie und das Auto nie gefunden, obwohl man den Meeresboden an jener Stelle mehrere Tage mit Tauchern durchforstet hatte. Die Polizei vermutete, dass die Unterströmung das Fahrzeug ins offene Meer gezogen hatte. Es war eine Tragödie, an die ich mich ungern erinnere. Als der Schock über den plötzlichen Tod langsam nachließ, wurde mir immer klarer, dass sich mein Leben damit schlagartig verändern würde, denn jeder erwartete von mir, dass ich mich um unser Familienunternehmen kümmerte. Mein Vater hatte noch keinen Nachfolger gefunden. Schließlich war er erst Mitte fünfzig und weit entfernt vom Ruhestand.

Ich fühlte mich gleich doppelt vom Schicksal geschlagen. Da war nicht nur der schmerzliche Verlust meiner Eltern sondern auch die Sorge um Terrasana. Knapp siebzig betroffene Arbeiter und Angestellte erwarteten voller Zuversicht, dass ich meinen Vater ersetzte. Doch ich sträubte mich. Als Erbe fühlte ich mich zwar verantwortlich für ihr Schicksal, doch sollte ich deshalb all meine Zukunftspläne aufgeben?

War es tatsächlich wichtiger, die Erwartungen anderer zu erfüllen, als mir selbst und meiner Leidenschaft für die Philosophie treu zu bleiben?

Was hätten Sie getan?

Erst ein einwöchiger Rückzug in die Einsamkeit der Berge hatte mir Klarheit verschafft. Eine Kommilitonin, Antonia, hatte mir zwei Jahre zuvor das Meditieren beigebracht. Ich wusste also, wie man das permanente Geplapper im Kopf abstellt und dank Sofia, meiner allerersten Freundin, war ich bereits gewohnt, auf meine inneren Stimme zu achten. Ich hatte auch gelernt, zu Beginn einer Meditation eine Frage zu stellen und in der Stille auf Antworten zu achten. Zu meinem Erstaunen war die Antwort oft schon bei mir, noch bevor ich in die Stille gehen konnte. Doch auch, wenn ich glaubte, die Antwort bereits erkannt zu haben, meditierte ich unbeirrt weiter, oftmals bis zu zwei Stunden an einem Stück und das zwei- bis dreimal täglich. Ich wollte absolute Klarheit und die erhielt ich. Ich trat mein Erbe an.

Die Rolle des Firmenchefs war für mich herausfordernder als mein Doppelstudium an der Uni, zumal ich mich nie für geschäftliche Dinge interessiert hatte. Ich war gezwungen, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Wissen zu erwerben. Dabei halfen mir vor allem lange und intensive Gespräche mit den Fachleuten meiner treuen Belegschaft. Sie waren nur zu gerne bereit, meine Defizite auszugleichen und mich fit fürs Geschäft zu machen.

Weniger hilfreich war dagegen das Verhalten meiner Freundin, Andrea. Wir lebten schon zwei Jahre zusammen und wir verstanden uns gut. Sie war eine von den Frauen, die umwerfend aussahen und Partys liebten, doch mit denen man keine tiefschürfenden Gespräche führen konnte. Mir war immer klar, dass unsere Beziehung keine Zukunft hatte, aber ich wollte vorerst nicht auf ihre unbeschwerte Lebenslust verzichten. Weil ich kaum noch an etwas anderes als an Terrasana denken konnte, wurde sie von Tag zu Tag unzufriedener und irgendwann verlangte sie, dass ich in ihrer Gegenwart kein Wort mehr über meine Arbeit verliere. “Sonst was?”, fragte ich sie herausfordernd. “Kein Sex!”, warf sie mir entschlossen entgegen, kaum dass ich meine zwei Worte ausgesprochen hatte.

Ich erinnere mich gerne an diesen Moment, denn wir starrten uns beide adrenalintrunken an und ich riss ihr demonstrativ die Bluse vom Leib. Ich wollte ihr zeigen, wer hier die Regeln aufstellt. Ihr gefiel das, denn sie grinste mich an und hauchte: “Ab morgen.” Also lag sie eine Minute später splitternackt auf dem Sofa und stöhnte hingebungsvoll. Ja, so war sie. Doch letztlich konnte ich einfach nicht abschalten. Wir stritten täglich. Jede Auseinandersetzung kostete mich Energie und lenkte mich zu sehr von meiner Aufgabe ab. Am Ende sah ich nur einen Ausweg: die Trennung von Andrea. Das hört sich jetzt so leicht an. In Wirklichkeit war die Trennung tragisch und schmerzhaft für uns beide.

Zehn Jahre nach der Firmenübernahme hatte ich mich mit meinem Schicksal abgefunden. Mehr noch: Es machte mir Spaß. Meine einstige Ablehnung verwandelte sich in Faszination für die Dynamiken wirtschaftlicher Zusammenhänge. Terrasana war für mich mehr als ein Unternehmen geworden.

Vielmehr empfand ich es wie eine Pflanze, die aus eigenem Antrieb den kosmischen Gesetzen folgend wuchs. Meine Aufgabe sah ich darin, dafür zu sorgen, dass für ihr Wachstum die besten Bedingungen vorlagen.

***

Hier noch ein Update zu meinem Privatleben, bevor es weitergeht.

Vor zwei Jahren, also im achten Jahr nach meinem Start ins Geschäftsleben, stürzte Alexandra in mein Leben. Sie war eine Kundin in Thessaloniki und wünschte eine persönliche Beratung. Gleich bei unserer Begegnung hatte es zwischen uns gefunkt. Sie war keine wirkliche Schönheit, hatte einen feisten Körper und war acht Jahre älter als ich. Mir ist schleierhaft, was uns beide miteinander verband. Was mich angeht, kann ich sagen, dass es nicht ihre blonden Haare waren, obwohl ich auf blond stehe. Vielleicht waren es auch karmische Zwänge, die uns zusammenführten. Ging es vielleicht um eine gemeinsame Aufgabe, die uns erst später bewusst werden sollte? Beruflich war sie als Therapeutin unterwegs. Sie hatte in der alternativen Szene bereits einen Namen.

Sie wuchs mir jedenfalls schnell ans Herz. Ihre frische, lebensfrohe Art war wie bei Andrea inspirierend und kurzweilig. Ich fühlte mich in ihrer Gegenwart noch eine Spur lebendiger und ihr ging es wohl ähnlich.

Ich mache es kurz:

Heute lebt sie in meinem Gästehaus, weil sie vor sechs Monaten nach Athen ziehen wollte, um dort mit mir gemeinsam neue Projekte zu starten. Doch dazu kam es nie, weil Alexandra wie ein

Schmetterling von einer Idee zur nächsten flog. Nach kurzer Zeit verlor sie regelmäßig das Interesse oder sie hatte eine Erkenntnis, die zu neuen Plänen führten. In ihrer Gegenwart wurde es nie langweilig. Wir verstehen uns bestens, auch wenn sie jeden meiner Versuche, unsere Beziehung in eine intimere, romantische Verbindung zu steuern, mit Vehemenz ablehnte. Ich vermute, dass ein heftiges Trauma dafür verantwortlich ist.

***

Am wohlsten fühlte ich mich auf Informationsveranstaltungen. Ob in Athen, Thessaloniki, Patras oder Korinth, wenn es um das Thema Umweltschutz ging, war unsere Firma mit einem Infostand präsent. Wann immer es mir zeitlich möglich war, verstärkte ich durch meine Teilnahme unser Team vor Ort. Bei einer dieser Gelegenheiten, einem Umweltkongress in Delphi, kam es dann zu jener schicksalhaften Begegnung mit der Frau, die mir später als Königin von Libidos vorgestellt wurde.

Wenn Sie angenommen hatten, dass die Bewohner der Insel völlig isoliert leben und die Insel nie verlassen, haben Sie sich geirrt. Im Gegenteil: Libiden sind neugierig und offen für Neues. Deshalb schicken sie immer wieder Gesandte durch die ganze Welt, um zu erforschen, was es Neues gibt und was sich verändert hat. Sie sind über alle größeren Ereignisse informiert und so kann es passieren, dass die Königin höchstpersönlich die Insel verlässt, um sich ein eigenes Bild von einem Ereignis zu machen, das sie besonders interessiert.

So führte sie ihre Reise im Jahre 2018 nach Delphi, weil sie von einem Kongress erfuhr, der den vielversprechenden Namen “Schützt die Umwelt und die Umwelt schützt dich” trug, und hier war es auch, wo ich ihre Bekanntschaft machte.

Nun denken Sie bloß nicht, dass sie mit königlicher Kleidung und Krone umherstolzierte. Das machen Königinnen heutzutage meist nur in Märchen. Sie war eher unscheinbar in ihrem Auftreten. Mir fiel sie kaum auf, als sie in ihrem marineblauen Kleid mit kleinem, weißem Kragen an unseren Infostand trat. Ich schätzte sie auf Mitte Fünfzig. Ihr dunkelblondes Haar hatte einen dezenten, rötlichen Glanz. Sie trug es nach hinten zu einem Knoten gebunden, was sie recht streng erscheinen ließ.

Sie wollte genau wissen, welche Produkte wir anbieten, wofür sie gut sind und wie sie funktionieren. Ich erzählte ihr von idealen Bodenbeschaffenheiten, von quantenphysikalischen Zusammenhängen und von Resonanzgesetzen. Ein wenig verwundert war ich schon, dass sie den Eindruck machte, alles zu verstehen, wovon ich sprach. Sie stellte mir Fragen, als sei sie vom Fach. Ich fühlte mich mit jeder Minute stärker mit ihr verbunden. Auch wunderte ich mich nicht, dass keine andere Person an unseren Stand kam, während wir sprachen.

Am Schluss unserer Begegnung sah sie mich liebevoll prüfend an und fragte mich, ob ich bereit sei, sie und ihre Familie zu besuchen. “Gerne”, sagte ich, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, worauf ich mich da einließ. Ich erkundigte mich nach ihrem Namen und ihrer Adresse, doch sie überging meine Frage und meinte nur, dass sie sich bei mir melden wolle. Sie verabschiedete sich mit dankbaren Worten und verließ unseren Stand in Richtung Ausgang.

***

Seit kurzem verbringe ich so viel Zeit wie möglich in Kardamyli, einem kleinen Küstenort auf dem Peloponnes. Ich hatte nie einen persönlichen Bezug zu dieser Gegend. Als ich jedoch zum Geburtstag eines Freundes, der dort lebt, eingeladen wurde, meldete sich meine Seele, als ich um Mitternacht in diesem kleinen, romantischen Küstenort ankam. Ich fuhr die schmale Hauptstraße entlang, vorbei an romantisch erleuchteten Geschäften auf beiden Seiten. Die meisten von ihnen waren trotz der späten Stunde noch geöffnet. Vor kleinen Strassencafés saßen vereinzelte Gäste. Ein angenehmer Duft vom nahen Meer und den Bäumen der Hauptstraße wehte ins Auto. Erstaunt nahm ich eine innere Stimme wahr, die unmissverständlich sagte: “Hier will ich bleiben.”

Ich hatte auf meine innere Stimme gehört und mir wenig später ein Ferienhaus in Rigklia, einem kleinen Nachbarort von Kardamyli, gekauft, wo ich mich inzwischen häufiger aufhalte, als in Athen.

Hier bin ich meist alleine, was mir nach jedem Aufenthalt in Athen wie ein Geschenk erscheint. Alexandra war nur einmal am Anfang dabei. Ihr Kommentar: “Hier sind ja selbst Siebenschläfer noch unterfordert!”

***

An einem warmen Sonntagmorgen im Juni saß ich im Garten des Bistros Aquarella und schaute verträumt auf das Meer und die kleine, vorgelagerte Insel. Hier, im Aquarella, fühle ich mich am wohlsten. Der beruhigende Wellengang und das inspirierende Blau des Mittelmeers, kombiniert mit dem schattigen Garten des Bistrots und seiner friedvollen Stille versetzen mich augenblicklich in einen Zustand inneren Friedens und tiefer Dankbarkeit. So war ich wieder einmal in diesem paradiesischen Zustand versunken, als sich eine junge Frau näherte und mich ansprach: “Verzeihung, Sie sind doch Periandros Tataros, richtig?”

Verstört sah ich sie an. Sie war hübsch, dunkelblond mit blauen Augen und selbstsicherem Auftreten. “Ja”, antwortete ich. “Woher wissen Sie das? Kaum jemand kennt mich hier und schon gar nicht meinen Nachnamen.”

“Ich habe ein Bild von Ihnen auf Ihrer Webseite gesehen.”, grinste sie mich an und fuhr fort, “Herr Tataros, meine Tante hatte Sie letztes Jahr in Delphi an Ihrem Ausstellungsstand kennengelernt und Sie gefragt, ob Sie sie besuchen würden.”

Ich brauchte nicht lange, bis ich begriff, von welcher Frau sie sprach und erwiderte: “Ja, ich erinnere mich an sie. Sie war ziemlich geheimnisvoll, wollte mir ihren Namen nicht verraten. Wohnt sie denn hier in der Nähe? Das wäre ja ein schöner Zufall, oder?”

“Ja”, antwortete sie, “man könnte sagen, sie wohnt in der Nähe. Wann wären Sie bereit, sie zu besuchen? Ginge es gleich heute oder haben sie schon was vor?”

Ich überlegte. Es war Sonntag und ich hatte keinerlei Pläne. Warum nicht? Ich willigte ein und sie bat mich, ihr zu folgen.

“Ich muss nur bezahlen.” Schnell lief ich zur Kellnerin, zahlte meinen Kaffee und war schon am Ausgang, als ich hörte: “Hallo, der Herr! Sie haben Ihr Handy liegen lassen!” Ich tastete meine Hose ab. Tatsächlich! Kein Handy. Ich lief zurück und bedankte mich bei dem freundlichen Herrn am Nachbartisch.

“Ihr Handy können Sie im Auto lassen. Sie werden es nicht brauchen”, riet meine Entführerin. “Und wenn doch?”, fragte ich wichtigtuerisch.

“Bei uns ist kein Empfang. Sie wären nur frustriert!”, war ihre Antwort. “Aber für Fotos!”, warf ich ein. “Keine Fotos”, grinste sie.

“Na gut!”, willigte ich ein und fragte: “Fahren wir denn nicht mit dem Auto? Wo steht Ihr Wagen? Wir können auch mit meinem fahren.”

“Wir nehmen das Boot.” Sie zeigte zum kleinen Hafen, der nur 50 Meter vom Aquarella entfernt war. Dort lag ein einfaches Boot. Es hatte die Größe der hier häufigen, kleinen Fischerboote, doch es sah moderner aus. Kaum waren wir eingestiegen, sprang der Motor an und wir tuckerten ins offene Meer. Nach kurzer Zeit stoppte der Motor jedoch und ich sah meine Begleitung verdutzt an. Sie beruhigte mich: “Keine Sorge! Wir fahren weiter.”

Ich beugte mich über die Reling und schaute ins Wasser. Tatsächlich! Wir glitten völlig lautlos durch die Wellen. Sicherheitshalber sah ich nach oben. Keine Segel.

“Freie Energie nennt ihr das wohl”, meinte sie schmunzelnd. “Ich heiße übrigens Carinda und freue mich sehr, dass du mitgekommen bist. Ich darf dich doch duzen, oder? Bei uns auf der Insel duzen wir uns nämlich alle.”

“Ja, klar!” erwiderte ich. “Mich nennen alle Peris. Wir fahren zu einer Insel?” “Ja, wir sind gleich da.” Voller Erwartung scannte ich das Meer in alle Richtungen bis zum Horizont. Ich fragte mich, wo hier wohl eine Insel sein sollte. Mein Blick wanderte zu Carinda und blieb an ihr haften. Sie mochte vielleicht Mitte Dreissig sein und sah unverschämt attraktiv aus. Ihr sommerliches, kniefreies Kleid wehte fröhlich im Fahrtwind, genau wie ihre langen, blonden Haare. Ihr Gesicht war von aussergewöhnlicher Anmut. Es vermittelte nicht nur äussere Schönheit sondern verriet mir auch ihre innere Tiefe. Meine Augen tasteten ihren Körper ab. Jeder Modedesigner würde bereit sein, ein Vermögen für sie als Model auszugeben. Ihre langen Beine, schlanken Fesseln und Waden versprachen einen visuellen Genuss für jenen Mann, der das Privileg haben würde, diese Frau unbekleidet zu sehen.

Kaum hatte ich diesen Gedanken im Kopf, drehte sie sich zu mir und sah mich auffordernd an. Ich errötete, weil ich mich irgendwie von ihr ertappt fühlte.

Sie deutete nach vorne und sagte: “Schau!”

Vor mir öffnete sich das Meer. Ja, ich muss es so beschreiben, denn genauso sah es aus. Wie von Geisterhand waren plötzlich alle Wellen weggewischt, in Luft aufgelöst, und eine Insel wurde vor mir sichtbar.

Carinda bemerkte meine Verwirrung und erklärte: “Unser Schutzhologramm hat sich gerade für uns aufgelöst. Die Insel ist für die Aussenwelt unsichtbar und niemand weiß von ihr. Du bist der erste Fremde, der sie zu Gesicht bekommt. Willkommen auf Libidos!”

“Wie jetzt?” Eine intelligentere Frage fiel mir einfach nicht ein. Mein Verstand war wie ausgewischt. “Das verstehe ich nicht”, brachte ich gerade noch heraus. Wie konnte es sein, dass große Teile des Meeres vor meinen Augen verschwinden und an seiner Stelle eine riesige Insel erkennbar wird?

Schutzhologramm hin oder her, das ist doch unmöglich! “Meine Tante wird dir alles genau erklären”, sagte Carinda.

Wir hatten inzwischen im Hafen angelegt und mit einer Geste wies sie mich an, das Boot zu verlassen. Wir schlugen den Hauptweg ein, der vom Hafen vorbei an kleinen Häusern bergauf führte. Carinda lief neben mir. Jedes Mal, wenn ich mich fasziniert umdrehte, um einen weiteren Blick auf dieses Idyll zu werfen, wartete sie lächelnd ab. Sie schien meine Bewunderung dieser kleinen Hafenstadt zu genießen. Alle Häuser, die den Hafen säumten, schienen aus Terrakotta zu sein und hatten pyramidenförmige Dächer, die im Sonnenlicht glitzerten. Alle anderen Häuser waren Terrakotta-Pyramiden mit ähnlich glitzernden Kappen. Zwischen den Häusern konnte ich üppige Gärten erkennen, die farbenfroh leuchteten.

“Das ist wunderschön, Carinda”, schwärmte ich. Sie schmunzelte und sagte: “Es freut mich, dass es dir hier gefällt. Wollen wir weiter zum Palast gehen?”

“Zum Palast?”, stutzte ich und hakte nach, “zu welchem Palast?”

Das wird ja immer unwirklicher. Völlig verwirrt starrte ich sie an. Gleichzeitig stieg eine merkwürdige Freude auf, die ich so noch nicht kannte. Erinnern Sie sich vielleicht an das Gefühl der Vorfreude, das Sie als Kind vor der Bescherung hatten? So ähnlich fühlte es sich auch für mich an, nur sehr viel intensiver und mit ganz vielen Schmetterlingen im Bauch.

Ich hörte Carinda sagen: “Ja, meine Tante ist die Königin von Libidos. Sie heisst eigentlich Marvella, doch wir alle nennen sie liebevoll Mara.”

Ich fühlte mich völlig überwältigt. Diese Insel, die niemand kennt, mit einem der malerischsten, kleinen Häfen, die ich je gesehen hatte und mit glitzernden Pyramiden um mich herum, hatte bereits alle meine Erwartungen gesprengt. Zu hören, dass die Frau, die ich in Delphi kennenlernte, die Königin dieser Insel war, machte es für meinen sonst so klaren Menschenverstand nicht besser.

Hinzu kam, dass ich mich an Carindas Bemerkung erinnerte, niemand von ausserhalb hätte die Insel je zuvor besuchen dürfen. Ich tat, was ich immer in Momenten tue, die mich verunsichern. Ich klammerte mich an mein Mantra: “Nicht handeln, nur spüren”

Ich hatte keine Aufmerksamkeit für all das Schöne auf dem Weg zum Palast. Ich war zu sehr mit meinen Gefühlen beschäftigt. Mein Körper lief völlig automatisch neben Carinda her, stetig bergauf. Erst, nach einer Biegung verlor ich meinen inneren Fokus, denn vor uns stand ein großes, aber schlichtes Gebäude. Bei aller Unscheinbarkeit war es doch beeindruckend elegant mit einer fremdartigen Ästhetik.

“Der Palast!”, rief Carinda aus. Ihre Stimme verriet, dass ihr der Aufstieg ebenso den Atem nahm wie mir.

Ich schaute mich interessiert um. Nirgendwo konnte ich Wächter oder Bedienstete erkennen. Als wir zum Eingangsbereich kamen, löste sich ein Teil der Wand in nichts auf und gab den Weg ins Innere frei. Noch ein Hologramm, dachte ich, als sich auch schon eine andere Wand öffnete und wir einen Raum betraten, der nicht aus vier Wänden bestand sondern völlig rund war. Ich schätzte seinen Durchmesser auf etwa zwanzig Meter. Ich spähte nach oben in eine Kuppel aus angenehm warmen Licht. Im Zentrum des Raums befand sich eine gemütliche Sitzgruppe, wo die Person saß, die ich vage als die Frau wiedererkannte, die mir ein Jahr zuvor beim Kongress gegenüberstand.

“Mara”, sagte Carinda, “hier ist Periandros Tataros. Ich fand es toll, dass er ganz spontan mitgekommen ist. Danke, dass du mich damit beauftragt hast.” Sie verbeugte sich und verließ den Raum, ohne dass ich mich von ihr verabschieden konnte.

“Sei herzlich willkommen, Peris! So darf ich dich doch nennen, oder? Carinda hat dir sicher schon erklärt, dass wir uns hier alle duzen? Ich heisse Mara!”

“Ja, selbstverständlich, Mara. Ich fühle mich geehrt”, erwiderte ich leicht verunsichert und fügte hinzu, “Vor allem bin ich total überrascht, in einem Palast gelandet zu sein. Das hätte ich nie vermutet, als wir uns in Delphi unterhielten. Gar nicht zu reden von der Insel, die niemand kennt und je besucht hat. Wieso gerade ich?”

Ich hatte wirklich keine Erklärung für mein Hiersein. Was sollte ich hier? Warum empfängt mich eine Königin und was will sie von mir? Ist sie überhaupt eine Königin? Mit ihrem einfachen, weißen Kleid, das bis zum Boden reichte, und ihrem Dutt machte sie nicht gerade einen königlichen Eindruck auf mich.

“Du fragst dich gerade, warum du hier bist und was ich von dir will, Peris. Oder wünschst du, dass ich dich Moro Mou nenne?”

Mir stockte der Atem. Wie konnte sie davon wissen? Moro Mou, ein griechisches Kosewort für ‘mein Baby’, hatte mich nur meine Mutter genannt.

“Wundere dich nicht. Wir auf Libidos haben Fähigkeiten, die euch dort draussen eigentlich auch zur Verfügung stehen. Doch der Unterschied ist, dass ihr von ihrer Existenz nichts mehr wisst und dass es ein wenig Übung braucht, um sie sich zu eigen zu machen. So können wir zum Beispiel Gedanken lesen und uns untereinander ohne Worte verständigen, indem wir uns unserem Gegenüber im geistigen Feld öffnen. Wir können mit Leichtigkeit jede gewünschte Information aus dem geistigen Feld abrufen und genauso gut auch Informationen senden. Mit solchen Dingen bist du ja bestens vertraut.”

Das war mir im Prinzip nicht neu, denn dieses Wissen war Alltag in unserer Firma. Es entsprach meinem Weltbild und Verständnis der erweiterten Realität. Also erwiderte ich: “Das ist irgendwie einleuchtend für mich. Ich wusste nur nicht, dass es ein Volk gibt, das diese Fähigkeiten wie selbstverständlich benutzt. Aber das beantwortet nicht meine Frage. Warum hast du mich eingeladen? Soll ich den Palast und alle Häuser auf Libidos mit Terrasana versorgen?”

“Nein, Peris. Mein Interesse galt nicht Terrasana und euren Produkten, als ich in Delphi war, sondern dir”, antwortete sie.

“Mir, wieso mir?” Jetzt wurde ich neugierig.

“Lass mich zunächst erklären, wo du hier bist”, begann Mara, “Wir nennen uns Archikaner, weil wir unsere Ursprünglichkeit behalten haben. Uns gibt es nur deswegen noch, weil wir uns seit vielen Tausend Jahren vor dem Rest der Welt versteckt halten. Hätten wir dies nicht getan, wären wir von eurer Gesellschaft, egal ob westlicher oder östlicher Prägung, so stark beeinflusst worden, dass auch wir unseren Seinszustand verloren hätten.”

Ich hakte nach: “Was ist denn euer Seinszustand? Kann man seinen Seinszustand verlieren? Was meinst du damit?”

Mara antwortete: “Niemand verliert seinen Seinszustand. Jedes Lebewesen, gleichgültig, ob Pflanze, Tier oder Mensch, hat eine Selbstwahrnehmung, die seinen Seinszustand bestimmt. Es kommt darauf an, welche Qualität diese Selbstwahrnehmung hat. Bei uns Menschen erhöht sich die Qualität durch ein individuelles Bewusstsein und den freien Willen. Das macht uns zu besonderen Geschöpfen auf diesem Planeten. Doch genau der freie Wille ist es, der uns vom Seinszustand des perfekten Wesens, als das wir geschaffen wurden, mehr und mehr abbringen kann. Und genau das passiert in eurer Welt seit vielen tausend Jahren.”

Ihre Worte hätten auch von mir sein können, denn ich war schon lange davon überzeugt, dass wir als Kollektiv dumm gehalten werden.

“Das leuchtet mir ein”, stimmte ich zu, “Das ist seit einiger Zeit mein Reden. Ich sage immer, dass wir alle mit falschen Vorstellungen und angeblichen Wahrheiten erzogen wurden. Sie sind uns von Generation zu Generation vererbt worden und wenn wir auf die Welt kommen, lernen wir die aktuellen, gesellschaftlichen .bereinkünfte in Form von Verhaltensregeln in moralischer, ethischer und ästhetischer Hinsicht. In der Schule lernen wir meist nur Unwahrheiten, die uns als sogenannte

Wissenschaften indoktriniert werden. So verlieren wir den Kontakt zu unserem eigentlichen, göttlichen Wesenskern, wenn wir ihn überhaupt jemals hatten. Zu allem Überfluss werden wir heutzutage durch Fernsehprogramme, soziale Medien und die allgegenwärtigen Hochfrequenzen völlig eingelullt und in einen tiefen Schlaf versetzt.”

“Das hast du gut beschrieben. Es ist tatsächlich so. Das Ergebnis ist, dass ihr wie Adler in einem Hühnerstall lebt. Ihr glaubt kollektiv, Hühner zu sein und verhaltet euch auch so, weil ihr nicht mehr wisst, dass ihr Adler seid.”

“Und ihr seid die Adler?” fragte ich ein wenig provozierend.

Mara blieb unbeeindruckt und erwiderte: “So wie ihr auch. Der Unterschied ist, dass wir es wissen und wie Adler leben.”

Sie hatte zweifellos recht. Ich selbst hatte häufig ein ähnliches Beispiel benutzt. Ich sprach immer von Löwen unter Schafen. Doch ich wollte jetzt wissen, warum ich hier war. Ich ließ deshalb nicht locker und sagte: “Das ist sehr interessant, Mara. Wir könnten uns darüber stundenlang austauschen.

Allerdings erschließt sich mir noch immer nicht, was mir die Ehre verschafft hat, auf eurer Insel zu sein. Carinda sagte mir, dass niemals zuvor jemand von ausserhalb hier war. Warum also ich?” Mara schien zu zögern und nachzudenken. Ich ließ sie nicht aus den Augen. Dann leuchtete ihre Miene auf und sie fragte: “Oh, verzeih mir, Peris! Ich hab dir nicht einmal einen Platz angeboten. Wir müssen das alles nicht im Stehen besprechen. Setz dich doch! Und zu trinken habe ich dir auch nichts angeboten. Wie unaufmerksam von mir! Darf ich dir einen Kaffee oder irgendetwas anderes bringen lassen?”

Wie offensichtlich sie sich um eine Antwort drückte! Leicht gereizt antwortete ich: “Kaffee wäre schön. Sag mir bitte, warum ich das Gefühl habe, dass dir eine Antwort schwer fällt?”

Sie setzte sich auf ein Sofa und bedeutete mit einer Geste, dass ich mich neben sie setzen sollte. Ein junger Mann erschien wie aus dem Nichts und servierte mir Kaffee. Mara hatte für sich einen Tee bestellt. Hier funktioniert eben alles nonverbal. Sie wartete, bis er wieder verschwand und begann: “Es stimmt, Peris, die Antwort fällt mir zum jetzigen Zeitpunkt schwer. Ich will mich aber bemühen, deine Frage zumindest teilweise zu beantworten.”

Sie machte eine Pause, in der sie mich beobachtete, wie ich meinen Kaffee trank. Erst, nachdem ich meine Tasse absetzte und sie auffordernd fixierte, fuhr sie fort: “Schau, dir ist sicher nicht entgangen, das du nicht nur ausserordentlich intelligent bist, sondern auch über ein spirituelles Verständnis verfügst, das dich schon in jungen Jahren aus der Menge hervorgehoben hat. Du hast immer gespürt, dass du nicht von dem getrennt bist, was ihr Menschen Gott nennt. Du lebst angstfrei und bist stets bemüht, dein kleines, individuelles Selbst im Zaum zu halten. Tatsächlich brauchst du dich nicht einmal mehr zu bemühen, denn dir fällt sofort auf, wenn dein Ego sich einmischen will. Du gibst dich dem Leben hin, ohne einen eigenen Plan, ohne eigene Ziele zu haben. Dein einziger Wunsch ist, im Gleichklang mit der kosmischen Ordnung zu leben.”

“Spannend, dass du die kosmische Ordnung erwähnst. Darüber habe ich vor wenigen Tagen mit einer guten Bekannten gesprochen”, erwiderte ich fasziniert.

“Ich weiß”, sagte Mara. “Ich habe es euch so präsentiert, dass ihr es nicht übersehen konntet. Christina hat eine sehr gute Intuition.”

“Du warst das?” Ich traute meinen Ohren nicht und woher kannte sie ihren Namen? Christina, eine gute Bekannte aus Athen, hatte mich am letzten Wochenende in Kardamyli besucht. Wir hatten sehr viele Ideen ausgetauscht und Erkenntnisse gehabt. Eines der Hauptthemen war die göttliche Ordnung. War das etwa alles von Mara inszeniert? Also fragte ich sie: “Wenn du das gewesen bist, dann frage ich mich, was du sonst noch alles inszeniert hast.”

“Das will ich dir gerne erklären, denn es gehört zu meiner Antwort auf deine Frage. Ich muss dazu ziemlich weit ausholen. Zunächst musst du wissen, dass wir im ständigen Kontakt mit ausserirdischen Arten sind. Vor Jahrzehnten sind wir von einer dieser Arten gebeten worden, dich im Auge zu behalten, weil du eine der Seelen bist, die zu ihnen gehört.”

“Was?” Ich traute meinen Ohren nicht. “Jetzt wird es wirklich schräg, Mara. Das soll ich dir glauben?” Eine Art mentale Lähmung machte jeden weiteren Gedanken unmöglich.

“So verrückt es sich für dich auch anhören mag, Peris, es ist die Wahrheit.”

Hilflos sah ich sie an. In ihren Augen konnte ich Klarheit und Mitgefühl erkennen. Ich war wie in jenem Schockzustand, den ich erlebte, als man mir die Nachricht vom Unfalltod meiner Eltern brachte. Mara wartete ab. Sie schien genau zu wissen, welches Gedankenchaos gerade in mir ablief.

Von wo komme ich? Wer bin ich dann wirklich? Kenne ich mich überhaupt? Wer denkt hier gerade? Und wozu das Alles überhaupt? Es machte überhaupt keinen Sinn.

Mara lächelte und sagte sanft: “Mir ist klar, dass dich das wie ein Schock treffen muss, doch ich weiß, dass du damit umgehen kannst. Lass dir Zeit. Du wirst dich langsam aber sicher mehr und mehr mit deiner wahren Herkunft identifizieren können, und damit wird auch dein ursprüngliches Wissen zu dir zurückkommen. Im Moment brauchst du es noch nicht. Die Zeit wird erst noch kommen.”

Ihre Worte entspannten mich. Mir kam ein Gedanke, den ich ihr sofort zuwarf: “Wann genau seid ihr gefragt worden?”

Mara antwortete: “Vor etwa zwanzig Jahren.”

Ich wollte mehr wissen und fragte: “Aber warum haben sie euch überhaupt gefragt?”

“Man sagte uns, dass du mit siebenundzwanzig Jahren Gefahr laufen könntest, für sie verloren zu gehen, weil du zu jenem Zeitpunkt die Firma deiner Eltern übernehmen würdest. In solchen Momenten kann ein Mensch völlig dem Mammon verfallen und erfahrungsgemäß steht er damit meist nicht mehr für die höheren Ebenen der göttliche Ordnung zur Verfügung.”

Ich antwortete nachdenklich: “Ich erinnere mich gut an diese Zeit. Vor allem an meine starke Abneigung, Terrasana zu übernehmen. Ich befürchtete, zu einem profitorientierten Unternehmer zu mutieren. Ich zog mich für eine Woche in die Berge zurück, meditierte und schrieb Tagebuch. Erst ganz zuletzt war ich mir sicher, wie ich diese Firma leiten würde, ohne meine Prinzipien zu verraten. Meine Devise war seitdem: Zum Besten des Ganzen.”

“Siehst du?” fragte Mara schmunzelnd und wartete darauf, dass bei mir der Groschen fällt. “Das ward ihr?” fragte ich ungläubig.

Sie nickte nur und fuhr fort: “Ja, das waren wir. Das war wiederum nur deshalb möglich, weil wir dich schon als Jugendlichen mit philosophischen Inhalten vertraut gemacht hatten. Deshalb hattest du dich für das Studium der Philosophie entschieden. Später hatten wir auch unsere Hände im Spiel, als du dich von deiner Freundin getrennt hattest. Kannst du dich nicht an den Applaus in jener Nacht erinnern? Wir waren so stolz auf dich.”

Ich erinnerte mich an jene Nacht, in der ich Andrea gestand, dass ich mich von ihr trennen wollte. Es war dramatisch und gleichzeitig war ich mir sicher, das Richtige zu tun, denn mir war, als würden alle meine geistigen Helfer applaudieren.

“Das war nicht fair!” Die Trennung von Andrea fiel mir damals schwer. In mir stieg plötzlich Ärger auf. Ich fühlte mich wie eine Marionette, ein Spielball fremder Kräfte in meinem eigenen Leben. Aus Ärger wurde Wut.

“Halt ein!” befahl Mara streng. «Lass solche Gefühle nicht zu. Dein Ego fühlt sich betrogen. Dein kleines Selbst fühlt sich gekränkt, und entmachtet. Erinnere dein Ego daran, dir zu dienen und nicht die Diva zu spielen.”

Das war hilfreich. Ich traf die Entscheidung, mich zu beruhigen.

Sie fuhr fort: “Glaubst du etwa, dies sei alles ohne deine Einwilligung geschehen? Falsch gedacht. Nach Aussage unserer Auftraggeber hast du dich damals vor deiner großen Reise verpflichtet, deine Aufgabe um jeden Preis zu erfüllen, komme was wolle. Du hast sie ermächtigt, korrigierend einzugreifen, sollte deine Mission in Gefahr geraten.”

“Interessant”, bemerkte ich und fragte, “und warum weiß ich nichts davon und von dieser Mission?” Schon wieder was Neues. Eine Mission! Mein Ego bereitete sich wieder zum Sprung vor, als Mara antwortete: “Weil es darum ging, dass du bis zu einem gewissen Zeitpunkt auf dieser Erde unerkannt bleibst. Dazu war notwendig, dass nicht einmal du selbst wissen durftest, wer du bist.”

Mein Ego entspannte sich wieder und ich sagte: “Gut, Mara, das ist ziemlich starker Tobak und wirft unzählige Fragen auf. Die wichtigste ist sicherlich: Was ist meine Mission? Genauso gerne wüsste ich immer noch, warum du mich hierhergeholt hast.”

“Alles zu seiner Zeit”, erwiderte Mara. “In einer Stunde werden wir gemeinsam zu Mittag essen. Dann werde ich dir noch einige Frauen und Männer von Libidos vorstellen. Jetzt aber ist die Zeit der Liebe gekommen. Lass uns in mein Schlafzimmer gehen!”

Sie stand auf. Ich blieb demonstrativ sitzen. Hörte ich richtig? Zeit der Liebe? Schlafzimmer? “Moment mal! Was meinst du damit?”

Mara, die schon auf dem Weg zu einer der entfernteren Wände war, drehte sich um und lächelte verschmitzt.

“Ihr habt bei euch den Gottesdienst. Wir haben etwas anderes. Das, was ihr Gott nennt, ist für uns in Wahrheit kosmische Liebe. Aus diesem Grunde ehren wir unseren Gott in einem täglichen Ritual der Liebe.”

Das wird ja immer schöner! Aber nicht mir mir! “Ja, aber, ich kenne dich doch kaum und wer sagt dir, dass ich jetzt Sex will? Hab ich da nicht auch ein Wörtchen mitzureden?”

Das Verschmitzte in ihrem Lächeln hatte einen seltsam verführerischen Charme angenommen. Ihre Worte waren bestimmend und autoritär: “Nein, hast du nicht! Libidos ist ein Matriarchat. Weißt du, was das bedeutet?”

“Erklär’s mir!”, entgegnete ich trotzig.

“Hier auf Libidos bestimmen wir Frauen. Du wirst lernen, jeder Frau zu gehorchen. Hast du gehört? Jeder Frau! Und das, solange du dich auf unserer Insel befindest, mein Lieber!”

“Für mich ist Libidos die Insel, die mich von einen Schock in den nächsten treibt”, antwortete ich und stand auf, “und das hier ist wohl der heftigste. Ich will sofort wieder zurück. Such dir einen anderen für dein Ritual!” Ich wandte mich ab und suchte den Ausgang.

“Peris!”, rief sie mit scharfem Ton. Ich hielt inne, drehte mich aber nicht zu ihr um.

“Hör mir zu!” Ihre Stimme war jetzt wieder sanfter. “Mir ist klar, dass dein Weltbild heute mehrfach eingestürzt ist. Das muss für dich sehr hart sein. Deine Verwirrung ist sicher groß. Doch handele nicht impulsiv und stelle dich dem, was das Leben an Geschenken anzubieten hat. Wie kannst du dich von etwas abwenden, das du nicht kennst? Ich wünsche, dass du dich umdrehst und zu mir kommst.”

Ich entschied, ihrem Wunsch nachzugeben. Sie hatte ja recht. Schließlich war es meine Lebensphilosophie, für alles, was ist, dankbar zu sein und dem Leben kein Nein zu geben. Was konnte ich schon verlieren? Jetzt stand ich ihr wieder gegenüber. Wenn ich sie bis gerade als Gesprächspartnerin ohne weibliche Akzente wahrnahm, hatte ich nun eine völlig andere Wahrnehmung von ihr. Unfassbar! Ich konnte meinen Blick nicht von ihr abwenden.

Ihre Haut schien in einem zarten Goldton zu leuchten. Wo kam der plötzlich her? Warum ist mir vorher nichts dergleichen aufgefallen? Ihre weiblichen Formen, die mir zuvor nicht einmal auffielen, hatten eine starke Anziehungskraft, als würden sie mir schmeichelnd eine vielversprechende Einladung in Augen und Ohren gleichzeitig flüstern. Das war reine Magie in ihrer schönsten Form. Ohne, dass ich länger darüber nachdenken konnte, folgte ich ihr widerstandslos, als sie meine Hand nahm und mich durch die inzwischen geöffnete Wand zog.

Vor uns lag eine große Liegelandschaft mit weissen Decken und Kissen. Seitlich wurden sie von duftenden Liliengestecken geschmückt und auf der gegenüberliegenden Seite erkannte ich einen lebensgroßen Akt aus weißem Marmor.

Das Licht war gedämpft und nahm in den hinteren Bereichen des Raumes eine blauen Färbung an, während das Bett selbst einen leichten Akzent ins Rote hatte.

Mara, die Königin von Libidos, stand jetzt wieder vor mir und entkleidete sich mit eleganten Bewegungen, fliessend und völlig selbstverständlich.

Und ihre Ausstrahlung! Göttlich ist wohl der passendste Begriff in diesem Moment, der mich jedes Zeitgefühl vergessen ließ.

“Mara”, stammelte ich verunsichert.

Völlig nackt trat sie einen Schritt näher und begann, mich ganz langsam zu entkleiden. Sie sprach dabei mit sanften Worten:

“Hier auf Libidos ist die Verehrung der Liebe das höchste Ritual unseres Volkes. Das Wichtigste, das du wissen musst, ist, dass es nicht um deine körperlichen Triebe geht. Die Sexualität ist zwar die Kraft, die uns magnetisch in die Vereinigung bringen wird, doch wir konzentrieren uns nicht auf sie. Stelle es dir vor wie dein Ego, das du nicht zur Diva werden lässt, sondern dir zum Diener machst. So ist es auch mit deiner Sexualität, die dir die Vereinigung ermöglicht aber nicht zum beherrschenden Trieb wird.”

Ich stand nackt und erigiert vor ihr. Sie zog mich liebevoll auf das überdimensionale Bett und ergänzte mit ihrer verzaubernden Stimme: “Siehst du, deine Erektion ist eine ganz natürliche Reaktion auf meine Ausstrahlung. Es sind nicht wirklich meine perfekten Brüste, meine schlanken Beine oder sonst welche äusseren Formen, sondern es ist die Frequenz meines inneren Seins, die ich jetzt vollständig und kompromisslos auf Hingabe zur Liebe eingestellt habe. Sie regt in dir die gleiche Frequenz an und weil du bereits in deinem Leben gelernt hast, dich bedingungslos hinzugeben, kannst du mich beantworten. Denke nicht, sorge dich nicht, gib dich meiner Energie hin und lass dich einfach fallen!” Und ich fiel…

***

Ich öffnete die Augen. Wo war ich? Es war so still. Ich lag nackt auf dem Bett und erinnerte mich, dass Mara irgendwann aufstand, nachdem sie mir einen letzten Kuss geschenkt hatte, den ich immer noch auf meinen Lippen spürte. Ich musste wohl eingeschlafen sein.

Was für ein Erlebnis! Alles, was ich bisher über Sexualität zu wissen glaubte, hatte Mara ad absurdum geführt. In dieser Stunde war ich der Wahrnehmung meiner eigenen Göttlichkeit näher gekommen, als jemals zuvor. Nein, halt! Das ist noch lange nicht alles. Da war mehr. Aber was? Ich musste mich wohl erst einmal sortieren. Innerlich.

Nicht genug, dass ich gerade meine Socken zusammensuchte, ich suchte auch in meinem Innern nach Orientierung. Es gelang mir nicht wirklich. Was blieb, war die Gewissheit, dass ich Sexualität nie wieder so erleben wollte, wie ich es von früher gewohnt war.

Ich zog mich an, setzte mich auf die Bettkante und versuchte, Worte für das zu finden, was ohne Worte geschah. Innere Bilder tauchten auf. Bilder, für die ich keine Beschreibung hatte. Keine Gedanken, keine Worte, nur Bilder. Honig ist das einzige Wort, das mir in den Sinn kommt, wenn ich an die erotische Spannung zurückdachte, die eindeutig durch Maras beherrschende Ausstrahlung entstand. Der sü.e Lohn völliger Hingabe an das Weibliche machte mich absolut willenlos, während sich jede Zelle in mir gierig lechzend mit ihrer Liebe betrank. Es war kosmisch. Gab es uns überhaupt noch als Individuen? Waren wir nicht eher im kosmischen Honig aufgelöst? Ja, das passte am besten, wenn es auch insgesamt kitschig klingen mag, aber diese Metapher wird der Erfahrung am ehesten gerecht.

Ich stand auf und ging zu der Stelle an der Wand, an der wir den Raum betraten. Nichts tat sich. Ich trat noch näher an die Wand. Keine Reaktion.

Ich setzte mich wieder aufs Bett. Ich wusste, dass man sich schon um mich kümmern würde. Und so war es auch. Kaum saß ich, öffnete sich die Türe wie von Geisterhand und Carinda trat ein.

“Es tut mir leid, Peris, dass du vor verschlossener Tür stehen musstest. Wir haben dir noch nicht erklärt, wie unsere Türen funktionieren. Dabei ist es ganz einfach. Du gehst auf die Türe zu und bist dir dabei völlig sicher, dass sie bereits offen ist, wenn der Moment gekommen bist.”

Ich erwiderte: “Ich dachte, dass ich es genauso gemacht habe. Schliesslich habe ich beobachtet, wie die Türen sich für euch geöffnet haben.”

Carinda erklärte: “Ja, daraus kann man falsche Schlüsse ziehen. Zwei Dinge musst du wissen: Erstens braucht es einenGleichklang mit der Türe. Den wirst du nur dann haben können, wenn sie dir gehört, sich also in deinem eigenen Haus befindet oder wenn du dich autorisiert, also eingeladen fühlst, durch eine bestimmte Türe zu gehen. Deswegen kann kein Unbefugter unsere Räume betreten. Das Zweite kann ich dir am besten so erklären: Stell dir vor, du willst eine Tasse Kaffee trinken. Du nimmst also die Tasse und führst sie an deinen Mund. Und jetzt frage ich dich: Hast du dir Gedanken dazu gemacht, ob dein Arm und deine Hand auch die richtigen Bewegungen dazu ausführen? Natürlich nicht. Sie folgen deiner klaren, unverfälschten Intention. Genauso verhält es sich mit unseren Türen. Lass es uns üben! Willst du es versuchen?”

“Klar, das wird jetzt funktionieren!” Ihre Erklärung leuchtete mir völlig ein. Solche Türen hätte ich auch gerne bei mir zuhause.

Ich lief auf die Türe zu und sie öffnete sich. “Warum klappte es nicht beim ersten Mal?” fragte ich. “Ich hatte doch auch die Erwartung, dass sie sich öffnen würde. Was war jetzt anders?”

“Beim ersten Mal gab es in dir noch Zweifel, weil dir solche Türen nicht bekannt waren und du dir nicht sicher sein konntest, wie sie genau funktionieren. Diese winzige Unsicherheit sorgte für minimale Frequenzanomalien und schon blieb die Türe für dich verschlossen.”

“Das macht Sinn”, bestätigte ich, “ich hatte tatsächlich eine leichte Unsicherheit.”

Während wir sprachen, liefen wir durch den mir bereits bekannten Raum zur gegenüberliegenden Seite und es öffnete sich ein vom Sonnenlicht durchstrahlter Raum, dessen Aussenseiten und die Decke vollständig aus Glas bestanden. Wie verzaubert war ich vom Ausblick gebannt. Tief unter uns lag das offene Meer. Ich konnte Schiffe in der Ferne erkennen und eine kleine, vorgelagerte Insel, aus der sich ein bewaldeter Berg erhob.

“Willkommen im Ältestenrat von Libidos, Peris!” unterbrach Maras Stimme mein Staunen. Erst jetzt bemerkte ich sie, vor einem großen, runden Tisch stehend, um den grob geschätzt etwa zehn Personen saßen. Sie kam auf mich zu.

“Der Ältestenrat ist über deinen Besuch und deine Herkunft bereits bestens informiert”, fuhr Mara fort, während sie mich zu einem der Stühle führte. “Du wirst bald feststellen, dass dir verschiedene Anwesenden bereits irgendwie bekannt sind. Lass dich überraschen!”

Gütig schmunzelnd setzte sie sich an den Tisch. Auch Carinda nahm Platz.

Leicht verunsichert sagte ich: “Guten Tag! Ich bin ein wenig durcheinander, doch ich freue mich, hier zu sein.” Wohlwollendes Nicken.

Ich setzte mich und schaute interessiert in die Runde. Von wegen Ältestenrat! Hier saßen attraktive, junge Frauen und agile, junge Männer Seite an Seite mit älteren Menschen.

Mara hat mal wieder meine Gedanken gelesen, denn sie sagte: “Du wunderst dich vielleicht, junge Menschen im Ältestenratvorzufinden. Dazu musst du wissen, dass wir hier alle viel älter sind, als du dir vorstellen kannst. Schau dir zum Beispiel Antonia an, die dir gleich zu Anfang aufgefallen ist.” Sie hieß Antonia? Wirklich? Was geht hier vor und wieso hatte sie bemerkt, dass sie mir tatsächlich sofort ins Auge fiel?

“Ja, Antonia. Sie sieht nicht ganz so aus, wie deine Antonia, aber doch sehr ähnlich, oder nicht?” Ich nickte.

“Was glaubst du, wie alt sie ist?”

Sie sah aus wie Mitte dreissig. “Fünfunddreissig?” fragte ich.

“Nicht ganz. Sie wurde vor knapp zweihundert Jahren geboren”, erwiderte sie schmunzelnd. “Und das soll ich glauben? Ihr nehmt mich auf den Arm!”

“Nein, Peris! Erinnere dich: Wir sind Adler, nicht Hühner. Adler entscheiden selbst über ihren Alterungsprozess und verlassen diese physische Ebene, wenn sie selbst den Zeitpunkt für gekommen halten. Die älteren Menschen an diesem Tisch sind teilweise fünfhundert Jahre alt und stellen sicher, dass wir immer im Gleichklang mit der göttlichen Schwingungsfrequenz sind. Sie sind sozusagen die Wächter der Wahrheit.”

“Ich dachte, so etwas gibt es nur in alten Mythen und Schöpfungsgeschichten”, bemerkte ich voller Erstaunen.

“Alle eure Mythen haben tatsächlich einen realistischen Bezug”, entgegnete sie, “Hier auf Libidos wirst du erkennen, dass sie wahr sind, denn wir leben im Geist der alten Mythen, weil wir uns unser Wissen und unsere Fähigkeiten bewahrt haben.”

Rechts von mir hörte ich jemanden sagen: “Peris, weißt du, warum du hier bist?” Ich schaute mich zu ihm um und sah in das freundliche Gesicht eines älteren Herrn mit vollem, weissen Haar. Ich schätzte ihn auf sechzig.

“Nicht wirklich”, antwortete ich, “ich weiß nur, dass ich von eurer Königin eingeladen wurde. Seit meiner Ankunft habe ich so viele Überraschungen erlebt und Informationen verkraften müssen, dass ich noch nicht dazu gekommen bin, darüber nachzudenken.” Ich setzte nach: “Allerdings habe ich Mara schon gefragt, die mir die Antwort aber noch schuldet.”

“Nun, du kannst mich Nicholas nennen. Ich habe dich begleitet, seitdem du 27 Jahre alt wurdest. Du kennst mich aus deinen inneren Dialogen mit mir.”

Tatsächlich hatte ich nach dem Tod meiner Eltern ein Medium besucht, dem sich ein Wesen namens Nicholas als mein geistiger Führer vorstellte. Seitdem hatte ich mit ihm in schwierigen Lebenssituationen immer wieder innere Zwiesprache gehalten und seine Antworten waren ausnahmslos tröstend und ermutigend. Das funktionierte so, dass ich meine Fragen an ihn einfach in mein Tagebuch tippte und anschliessend die Worte eingab, die mir in den Sinn kamen. Sie entpuppten sich ausnahmslos als zuverlässige Lebenshilfe. In den letzten Jahren verlief mein Leben allerdings so angenehm, dass ich keine Notwendigkeit verspürte, Nicholas zu befragen.

“Du bist mein geliebter Nicholas? Ich habe lange nicht mehr mit dir gesprochen. Das tut mir leid!” erwiderte ich.

“Warum sollte dir das leid tun? Ich bin nicht dazu da, von dir unterhalten zu werden. Alles ist gut. Im Gegenteil: Ich habe mit großer Freude beobachtet, wie sich dein Leben hin zur göttlichen Ordnung entwickelt hat. Deine Lebensführung und die Art wie du Terrasana weitergeführt hast, ist für uns alle hier ein Paradebeispiel menschlicher Entwicklung. Aus diesem Grunde war auch Mara bei dir beim Umweltkongress. Sie wollte dich persönlich kennenlernen und sich selbst davon überzeugen, dass du im Einklang mit der Wahrheit lebst.”

Ich zögerte ein wenig und sagte dann: “Eigentlich müsste ich mich jetzt freuen, doch ich spüre keine Freude, sondern Traurigkeit.”

“Was glaubst du, warum du sie spürst?” fragte Nicholas mit fühlend.

Ich spürte in mich hinein und versuchte zu analysieren, woher meine Traurigkeit kam. Doch mein Kopf wollte nicht funktionieren. Dann hörte ich mich sagen: “Weil so viele andere Menschen es nicht hinkriegen und stattdessen leiden.”

Nicholas sprach daraufhin: “Siehst du, genau hier zeigst du dein wahres Selbst. Dein wahres Selbst weiß nämlich, dass wir alle eins sind und deshalb empfindest du eine grenzenlose Empathie für die unzähligen Seelen, die noch in der Illusion gefangen sind und Leid statt Freude spüren.”

“Wie könnten wir ihnen helfen?” fragte ich spontan und völlig unüberlegt. Ich wusste schliesslich, dass jeder Mensch für sich selbst entscheiden muss, wie er leben will und dass wir uns nicht einzumischen haben.

“Du hilfst doch schon längst, Peris”, erwiderte Nicholas, “Dein Sein hinterlässt Spuren im Bewusstsein all derer, denen du in deinem Leben begegnest. Gerade in letzter Zeit hast du vielen deiner Kunden und anderen Bekannten und Freunden durch deine Schwingung Impulse gegeben, die sie in einen Veränderungsprozess geführt haben, der immer noch andauert. Unterschätze nicht deine Wirkung auf andere.”

Bilder diverser Begegnungen tauchten vor meinem geistigen Auge auf. Ich erinnerte mich an viele Kundenbesuche, die zu intimen Gesprächen führten und ein freudvolles Gefühl allumfassender Liebe zum Ergebnis hatten. Es war beinahe immer so, dass die Begrü.ung zunächst distanziert geschah und der Abschied mit Lebensfreude und feuchten Augen gekrönt war.

“Ja genau! Du erinnerst dich”, bemerkte Nicholas, der wohl meine Gedanken mitverfolgte, “Genau diese Momente waren es, die dir mitteilen sollten, dass du den Menschen Licht bringst. Licht in ihr Bewusstseinsfeld, das sich daraufhin erweitert und ihnen Möglichkeiten aufzeigt, ihr wahres Potential zu erkennen und es in ihrem Leben umzusetzen.”

“Und, tun sie’s denn?” fragte ich.

“Nein, meist nicht. Dennoch! Es ist so, als würde ihr Schale damit einen kleinen Riss bekommen haben. Es braucht in der Regel mehr Impulse zu unterschiedlichen Zeiten von unterschiedlichen Menschen. Die Wiederholung führt dazu, dass der Riss größer und größer wird.”

“Also weitermachen”, grinste ich.

“Genau!” bestätigte Nicholas, “Auch das hast du schon längst begriffen. Das freut mich, Peris.”

Dann hörte ich Mara sagen: “Ich denke, dass wir Peris jetzt in Ruhe essen lassen sollten. Wir wollen seinen Verstand nicht überbeanspruchen. Vielleicht ist es besser, wenn wir ihm nun Zeit geben, all die Eindrücke zu verarbeiten.”

Obwohl ich den Eindruck gewann, dass Mara wieder einmal bemüht war, mich nicht den Grund für diese Einladung wissen zu lassen, war ich ihr für diese Worte dankbar und zeigte es ihr mit einem scheuen Lächeln. War das dieselbe Frau, mit der ich noch vor wenigen Minuten verschmolzen in Honig badete? Jetzt erschien sie mir überhaupt nicht erotisch zu sein. Sie hatte vielmehr die Ausstrahlung einer unaufdringlichen, aber selbstverständlichen Autorität.

Wenn bis gerade noch eine konzentrierte Aufmerksamkeit am Tisch vorherrschte, weil jeder der Anwesenden unserem Gespräch lauschte, breitete sich nun entspanntes Gemurmel aus und ich sah zum ersten Mal auf die Schale, die mir jemand kurz vorher reichte. Sie war mit dampfendem Brei gefüllt.

Es schmeckte mir, denn ich war hungrig. Wie lange schon hatte ich nichts mehr gegessen? Ich hatte jedes Zeitgefühl verloren. Ich schaute aus dem überdimensionalen Fenster und sah, dass die Sonne schon recht tief stand. Konnte das sein?

Mara sprach mich an: “Wenn du fertig bist, wird dich Carinda wieder zurück nach Kardamyli bringen. Es ist schon später als du denkst. Wundere dich nicht. Du hast nach unserer Zeit der Liebe vier lange Stunden geschlafen. Diesen Schlaf brauchtest du, damit du nun für den Rückweg gestärkt bist. Wie ich Carinda kenne, wirst du deine Kraft noch brauchen.”

Ich sah, wie Mara und Carinda sich schmunzelnd ansahen und verstand nur Bahnhof.

Zum Abschied wurde ich herzlich von Nicholas und Mara umarmt. Mara hielt mich ein wenig länger in ihrer Umarmung und flüsterte mir ins Ohr: “Ich mag deinen Cockring.” Die Schamesröte stieg mir bis in die Haarwurzeln. Ich war bei unserem Akt soaufgeregt, dass ich ihn völlig vergessen hatte. Sie sah mich aufmunternd an und meinte: “Ich finde es schön, wenn Männer sich auf diese Weise schmücken. Bis zum nächsten Mal, mein Freund!”

Carinda nahm meine Hand und gemeinsam verließen wir den Palast.

Schweigend gingen wir den Weg zum Hafen hinab, vorbei an den kleinen, pyramidenförmigen und mit Blumen bewachsenen Häusern. “Sind sie nicht hübsch?” fragte mich Carinda. “Ja, das sind sie”, erwiderte ich. “Willst du wissen, wie sie von innen aussehen? Ich zeige dir gerne das Haus einer Freundin. Sie ist noch unterwegs und hat sicher nichts dagegen, wenn wir hineingehen.”

Wie hätte ich nein sagen können? Ich war viel zu neugierig.

So kam es, dass Carinda mich ein wenig abseits des Weges in eines der Häuser einließ. Ich staunte nicht schlecht. Von innen erschien es viel größer. Es bestand scheinbar aus einem einzigen Raum, in den farbig gefiltertes Sonnenlicht einströmte. Offensichtlich wurde in diesem Raum gekocht, gebadet, gearbeitet und geschlafen, denn alle Bereiche des Raumes hatten die entsprechenden Möbel und in der Mitte stand ein hübsch dekoriertes, rundes Bett.

“So sehen die meisten Häuser auf Libidos aus. Möglicherweise stammt das Konzept noch aus der grauen Vorzeit, als man in Rundzelten wohnte”, erklärte Carinda, “Diese Bauweise hat sich für uns als äußerst praktisch erwiesen. Wir würden nie auf die Idee kommen, Wände einzuziehen und kleine Zimmer zu schaffen.”

Ich hörte ihr zwar zu, doch lief ich fasziniert hierhin und dorthin, bestaunte den modern gestalteten Küchenbereich, die modische Sofaecke, die jedes Möbelhaus aufgewertet hätte und blieb zuletzt vor einem Bereich stehen, der mir wie das Atelier eines Malers vorkam.

“Ist deine Freundin Malerin?”, fragte ich beim Anblick eines noch unfertigen, erotischen Ölgemäldes.

“Ja, Peris. Das ist sie. Kannst du mich auf ihrem Bild erkennen?” Ich drehte mich zu ihr um. Da stand sie. Splitterfasernackt! “Carinda!” entfuhr es mir. “Was machst du?”

“Pssst! Sei jetzt einfach nur hier und schau mich an, berühre mich und gib dich deiner Lust hin.”

Ihr Anblick war hinreissend. Heute morgen hatte ich noch gedacht, wie privilegiert der Mann sein müsse, der sie unbekleidet sehen darf. Und nun stand sie nackt vor mir. Mit wohlgeformten Brüsten, die fest und rund meinen Blick gefangen hielten. Was dann geschah, will ich hier nur andeuten. Wie Mara, erstrahlte auch Carinda in einer unwiderstehlichen Anmut und doch war alles anders, denn ich verspürte ein tierisches Verlangen. Ich konnte mich nicht schnell genug meiner Kleider entledigen und, ehich mich versah, lag ich in ihren fordernden Armen. Kein Honig diesmal, sondern animalischer Sex, völlig tabulos und befreiend.

Eine Stunde später lösten wir uns aus unserer Umarmung und zogen uns an. Sie sah mich erfreut an. “Das war wunderbar, Peris! Danke!”

“Danke auch dir, Carinda. Schliesslich hast du mich ja verführt”, sagte ich bewundernd. “Doch ich verstehe das alles nicht. Mara sagte, dass ihr euch nicht von der Lust dominieren lasst. Doch gerade waren wir wie die Tiere.”

“Was Mara sagte, bezieht sich nur auf die Zeit der Liebe. Das ist immer zur Mittagszeit. Ihr würdet es vielleicht Gottesdienst nennen. Doch wir sind schliesslich auch ganz normale Menschen mit animalischen Trieben, wie andere Lebewesen auch. Denkst du, wir würden das nicht ausleben wollen?”

“Doch, doch! Jetzt, wo du es erklärt hast, leuchtet es mir ein. Und was ist mit Verhütung? Und überhaupt! Hast du keinen Freund?”

Carinda lachte. “Einen Freund? Ich habe mindestens 600 Freunde! Hier auf Libidos heiraten wir nicht. Wir lieben uns alle und wenn wir Lust haben, dann ist der nächste gerade der beste. So einfach ist das. Ach ja, und über Verhütung denken wir nicht nach, weil sie nicht nötig ist.”

Ich staunte nicht schlecht. Warum kann ich nicht auf Libidos wohnen? Das ist ja wie im Märchen! “Wieso ist Verhütung nicht nötig?”

“Weil wir Frauen bewusst entscheiden können, ob und wann wir schwanger werden wollen. Auch das ist eine naturgegebene Fähigkeit der Frau, die in eurer Gesellschaft verloren gegangen ist. Wollen wir los?”

“Ungern. Ich könnte ewig mit dir hier liegen bleiben und reden.” Mara stand schon und zog sich ihr Sommerkleidchen über. “Trägst du keine Unterwäsche?”

“Nein! Was dagegen?”

Als wollte sie es drauf ankommen lassen, beugte sie sich vornüber, um ihre Schuhe zu binden. “Dein Kleid ist zu lang.” Sie zog es augenblicklich höher und drehte mir ihren Kopf zu.

“Ist es so recht?”

Ich stand auf und tätschelte liebevoll ihren nackten Po. “Wir müssen das hier unbedingt wiederholen, Carinda!” Sie umarmte mich und hauchte: “Gerne.”

Dann stieg auch ich in meine Jeans und zog mir das Hemd über.

Wir verliessen das Haus und waren nach wenigen Metern am Hafen, wo das kleine Boot bereits auf uns wartete.

Als es ablegte, fragte ich: “Gerade fällt mir auf, dass wir alleine auf dem Boot sind. So wie auch schon auf der Hinfahrt. Steuerst du das Boot ganz alleine?”

“Na klar! Gedankenkraft, mein Lieber.” “Könnte ich das auch?”

“Wenn du übst, kannst du das auch.” “Lässt du mich mal?”

Augenblicklich wurde das Boot langsamer und sank tiefer. Jetzt schaukelte es richtungslos auf den Wellen.

Ich gab den inneren Impuls, dass es sich in Gang setzen solle. Nichts. Ich stellte mir vor, dass sich freie Energie aufbauen und den Antrieb aktivieren würde. Nichts tat sich. Carinda grinste.

“Mach dir nichts draus”, tröstete sie mich, “es braucht eben Übung. Fahren wir weiter?”

Ich nickte frustriert. Schon setzte sich das Boot wieder in Bewegung. In der Ferne war bereits Land in Sicht.

“Ich kann nicht verstehen, dass eure Insel so nah an Kardamyli liegt. Das muss doch irgendwie bemerkt werden.”

“Nein, du irrst dich”, klärte mich Carinda auf. “Unsere Insel liegt in Wahrheit mitten im Mittelmeer. Von uns ist es nach Sizilien genauso weit wie nach Griechenland oder Afrika. Mit diesem Boot brauchen wir deshalb nur zehn Minuten, weil wir der Zeit ein Schnippchen schlagen. Sicher weisst du, dass Zeit eine Illusion ist.”

“Ich höre das immer wieder, doch erlebt hab ich das noch nicht.”

“Doch, Peris! Wie kannst du sagen, dass du es noch nicht erlebt hättest? Heute haben wir die Zeit zweimal verbogen.”

“Ich meinte doch, bevor ich Libidos kannte.”

In Kardamyli angekommen, umarmten wir uns zum Abschied. Sie griff entschlossen in meine Hose und fasste meinen Cockring. Mit warmer Stimme sagte sie: “Dein Cockring ist nicht nur schön. Er hat mich vorhin ziemlich scharf gemacht.

Ich freue mich schon auf deinen nächsten Besuch.” Völlig verstört sah ich zu, wie sie wieder ins Boot stieg und davonrauschte. Was für eine Frau!

***

Verträumt und tief in Gedanken machte ich mich auf den Weg zu meinem Auto. Jetzt wurde mir langsam klar, warum diese Insel Libidos heisst. Alles drehte sich hier nur um ein Thema: Sexualität. Ich entschied, meinem Lieblingsbistro, Aquarella, noch einen Besuch abzustatten und die Abendstimmung zu geniessen. Bei einem Glas Rotwein in vorderster Reihe war es leicht, sich von den unermüdlich heranrollenden Wellen in einen Zustand tiefer Meditation versetzen zu lassen. Ich starrte in die Wogen und sah mich mit Mara im Bett und dann war es Carinda, nur um dann wieder zurück zu Mara zu wechseln. Mir war, als würden beide Bilder um Dominanz ringen. Dabei gelang es keinem von beiden, denn so intensiv die animalische Version auch war, so unvergesslich blieb auch die spirituelle Variante in meiner Erinnerung. Das irritierte mich. Ich konnte aus eigenem Erleben berichten, dass jede der beiden Erfahrungen ein Hochgenuss war. Während im zweiten Fall die körperlicher Ebene zum Selbstzweck wurde und für uns beide mit einem gemeinsamen Mega- Orgasmus endete, war sie im ersten Fall nur das Spielfeld für die seelische Ebene. Der seelische Orgasmus war hier ein Hochgenuss für unsere Herzen und Seelen, weil sie eins sein durften.

Ich hatte die seelische Variante in dieser Intensität nie erlebt. Ich hatte keine Vorstellung von diesem besonderen Geschenk einer Frau, die mir Stunden zuvor noch völlig fremd war.

Wenn Sie beim Lesen jetzt glauben, dass ich die seelische der animalische Variante vorziehen würde….

Wie? Sie haben nicht darüber nachgedacht? Es fällt mir schwer, Ihnen zu glauben. Also, ich hatte darüber nachgedacht und erst ein zweites Glas Rotwein brachte Klarheit.

Dies war mein Urteil: Für mich sind beide sind völlig gleichwertig. Das hatte ich in dem Moment erkannt, als mir das YinYang Symbol in den Kopf kam. Sie kennen es sicher. Dann wissen Sie auch, dass im schwarzen Bereich, Yin, auch Yang als weisser Punkt enthalten ist. Und das Gleiche gilt für die andere Hälfte des Zeichens. Im weissen Yang ist das schwarze Yin als Punkt enthalten.

Auf die beiden sexuellen Spielarten bezogen stelle ich mir vor, dass das schwarze Feld dem Körper und der weiße Punkt dem Geist entspricht, während es bei der spirituellen Version genau anders herum ist: der große weisse Bereich entspricht dem Geist, während das schwarze Zentrum den Körper symbolisiert.

Und jetzt kommt das Wichtigste: Das Ganze, der Kreis, ist für mein Verständnis immer die Liebe. Deshalb sind beide Versionen gleichwertig Ich schließe daraus sogar, dass man beide Versionen ausgewogen praktizieren sollte, um in einer guten Balance zu leben. Auf Libidos scheint man das erkannt zu haben.

Noch eine Erkenntnis ergab sich aus meinen Überlegungen: Wo Yin ohne eine Spur Yang gelebt wird, ist keine Liebe. Ohne Liebe erhält die animalische Version destruktive Elemente. Sie macht unglücklich und leer. Und die spirituelle Version ohne Liebe, gibt es die auch? Ja selbstverständlich! Das sind die magischen Rituale und Zeremonien der unterschiedlichsten Sekten und Logen.

Was für eine Erkenntnis! Ich hielt inne. Trotz der zwei Gläser Wein kam mir der Gedanke, dass ich auch hier wieder Hilfestellung von Nicholas oder anderen guten geistern von Libidos erhalten hatte. Gedankenverloren fuhr ich nach Hause.

Was für ein Tag! Das glaubt mir niemand. Natürlich glaubt mir das niemand, denn es gibt nirgendwo in unserer Welt einen Hinweis auf Libidos. Die würden mich einsperren. Also beschloss ich, dieses Erlebnis für mich zu behalten. Warum sollte ich es auch erzählen? Um mich interessant zu machen? Diese Phase meines Lebens hatte ich hinter mir. Es interessierte mich kein bisschen mehr, was andere Menschen von mir halten.

Zuhause angekommen, goss ich mir ein drittes Glas Rotwein ein und dachte über Libidos nach. Wenn ich das alles nicht geträumt hatte, dann war mein Erlebnis sensationell.

Natürlich hatte ich nicht geträumt. Carinda war schließlich physisch in mein Leben gekommen und die Fahrt übers Meer war auch keine Phantasie. Die Insel erschien mir dagegen unrealistisch und eher magisch. Wer weiß, wohin Carinda mich entführt hatte.

Dann fiel mir ein, was Mara alles von mir wusste. Hatten sie wirklich in mein Leben eingegriffen? War es überhaupt denkbar? Ich setzte meinen gesunden Menschenverstand ein und versuchte, eine Erklärung dafür zu finden, dass ich mit 27Jahren die Entscheidung traf, die Gesch.ftsführung von Terrasana nach meinen ethischen Grundsätzen und zum Besten des Ganzen zu übernehmen.

Konnte es tatsächlich sein, dass mir diese Entscheidung eingespielt wurde?

Natürlich wusste ich, dass die Technik der Gedankenmanipulation militärisch genutzt wird. Keine Ahnung, wie sowas funktioniert, doch es muss etwas mit Skalarwellen zu tun haben. So viel war klar. Naja, und auf Libidos hatte man im Laufe der vielen tausend Jahre sicher ganz andere Fähigkeiten entwickelt, die über das uns Vertraute weit hinausgehen. Ich beschloss, dass so etwas möglich sein könnte.

Damit musste ich gleichzeitig akzeptieren, dass alle anderen Gedanken und Entscheidungen, die ich für meine eigenen hielt, vielleicht von Libidos beeinflusst waren. Auch hielt ich es für möglich, dass Libidos bestimmte Menschen und Gegenstände in mein Leben schleuste, um die notwendigen Impulse zu geben.

Zum Beispiel Antonia, die mir sofort im Ältestenrat auffiel. Meine Antonia war eine Kommilitonin und Yogalehrerin, die mir die spirituelle Welt näher gebracht hatte. Ihr hatte ich zu verdanken, dass ich mich für spirituelle Bücher interessierte und auf Carlos Castaneda stieß. Sein Buch, “Eine andere Wirklichkeit”, fand ich damals zuoberst auf einem Ramschtisch. Es fiel mir sofort ins Auge. Nach Band eins las ich alle Bücher von Castaneda. Sie waren für mich wie eine Initiation.

Viele Ereignisse in meinem Leben sah ich nun mit völlig anderen Augen. Ich erinnerte mich an meine erste Freundin, Sofia, in die ich unsterblich verliebt war. Damals war ich siebzehn und sie ein Jahr älter. Es kam nie dazu, dass wir miteinander schliefen. Ausser Küssen und Petting ließ sie nichts anderes zu. Sie meinte immer: “Peris, das ist dem Mann vorbehalten, der mich eines Tages heiraten wird.” “Wie kannst du dir da so sicher sein?”, fragte ich sie enttäuscht und sie antwortete: “Meine innere Stimme sagt mir das ganz deutlich.”

Ich begann, auf Sofia wütend zu werden, denn es gab nichts, was Sofia tat oder sagte, ohne vorher auf ihre innere Stimme gehört zu haben. “Kannst du auch eigene Entscheidungen treffen?”, fragte ich sie einmal gereizt. Ihre Antwort kam ruhig und mitfühlend: “Peris, das sind meine eigenen Entscheidungen. Meine innere Stimme ist die Stimme meiner Seele. Wenn ich ihr nicht folge, verliere ich mich und meine Mitte.”

Ihre Antwort hatte mich schon beeindruckt. Ich fragte Sofia, ob auch ich eine solche innere Stimme haben könnte. Sie versicherte mir, dass ich sie bereits habe, ich allerdings nie gelernt hätte, sie wahrzunehmen. Das wollte ich unbedingt ändern. Sie erfüllte meinen Wunsch und brachte es mir bei. Dafür bin ich ihr heute noch dankbar, denn ohne diese Fähigkeit wäre ich nie imstande gewesen, in jener einen Woche in den Bergen meinen Frieden mit dem veränderten Lebensplan zu schließen.

Auch fühlte ich mich nachträglich in meinem Gefühl bestätigt, dass Terrasana eine eigene Entwicklungsdynamik hat, beinahe so etwas wie eine eigene Absicht, die meine Eltern hier auf Erden nach bestem Wissen und Gewissen helfend in die physische Welt gebracht hatten. Auch ich hatte mich immer nur als ausführenden “Statthalter” empfunden. Erkannte ich hier die Absicht von Libidos? Ich nahm mir vor, Carinda zu fragen, wenn ich sie das nächste Mal sehe.

Moment mal! Da fiel mir ein, dass wir nichts besprochen hatten. Wie sollte ich sie denn wiedersehen, wenn ich nicht wusste, wie ich dorthin komme?

Mir wurde klar, dass ich angebissen hatte und mein kleines Selbst sich jetzt durchsetzen wollte. Ich wollte zurück und freute mich vor allem schon jetzt auf die Zeit der Liebe. Wenn ich auch zunächst sehr ablehnend war, musste ich nun einräumen, dass mir jetzt schon einiges am Matriarchat gefiel. Ich wollte mehr davon. Doch wie sollte ich je wieder dorthin kommen?

Ich besann mich und brachte mich zurück ins Vertrauen und in die Hingabe ans Leben. Wenn es ein weiteres Treffen geben sollte, würde es schon irgendwie passieren.

Und wie zur Bestätigung erinnerte ich mich an Carindas Worte beim Abschied: “Ich freue mich schon auf deinen nächsten Besuch.” Na, bitte! Kein Grund zur Panik.

Ich soll also anders sein als die Menschen. Was hatte Mara gesagt? Ausserirdisch? Wie konnte es sein, dass ich als gewöhnlicher Mensch auf dieser Erde lebte und doch einer völlig fremden Art angehörte? Welchen Sinn hatte es für mich, hier auf der Erde als Mensch zu leben? Noch kann ich ihn nicht erkennen. Und wer waren die anderen Personen am Tisch? Hatten die auch eine Bedeutung in meinem Leben? Mara hatte doch etwas in der Art angedeutet.

Fragen über Fragen. Ich sollte mir eine Liste machen.

Ich goss mir nochmal nach und spürte, wie meine Anspannung langsam nachließ.

Plötzlich hatte ich das Gefühl, beobachtet zu werden. Wie lange war das schon der Fall? Tatsächlich lebte ich immer schon in dem Bewusstsein, dass mich eine ganze Schar liebevoller, geistiger Helfer umgab und mir dabei behilflich war, mein Leben zu meistern und in meinem Vertrauen zu bleiben. Ich bin davon überzeugt, dass ich ohne sie nie dort angekommen wäre, wo ich heute war. Doch waren sie in Wirklichkeit womöglich von Libidos? Das würde einige Fragen aufwerfen. Zum Beispiel: All die sogenannten geistigen Führer, die laut eigenen Aussagen aus anderen Galaxien stammen, oder aus irgendeiner geistigen Ebene der göttlichen Ordnung. Sind sie vielleicht in Wahrheit die höher entwickelten Menschen auf Libidos, die es zu ihren Herzensanliegen gemacht hatten, die verirrten und fehlgeleiteten Menschen der Erde wieder auf Kurs zu bringen?

Naja, das war vielleicht zu weit hergeholt und lag möglicherweise nur an meinem vierten Glas Wein. Doch darüber nachzudenken, war es durchaus wert. Meinen Sie nicht?

Ein ketzerischer Gedanke formte sich: Was, wenn jede Art von Intuition eine subtile Art von Hilfe realer Wesen ist, die wir lediglich mit religiösen Inhalten verbrämen, weil sie uns nicht zu erkennen geben, aus welchen Gründen auch immer? Manche Menschen hören Stimmen, manche haben Visionen oder ein klares, plötzlich auftretendes Wissen. Woher kommen diese Impulse und wer teilt sie aus? Das sind doch berechtigte Fragen. Sind wir nicht viel zu schnell bereit, uns das, was wir nicht verstehen können, mit religiösen Inhalten zu erklären?

Aber kann es denn sein, dass die paar Bewohner dieser kleinen Insel, Libidos, so viel Einfluss auf unser aller Leben haben?

“Wie kommst du darauf, dass es nur Libidos gibt?”, formte sich eine Frage in meinem Kopf. Aha, dachte ich. Das war sicher eine Frage, die direkt aus Libidos übermittelt wurde. Ich hörte aufmerksam in mich hinein und sagte im Stillen:”Dachte ich tatsächlich zuerst, doch jetzt, wo ihr

fragt, wird mir klar, dass es ein wenig zu einfältig gedacht war. Gibt es denn woanders noch weitere Völker wie das eure?”

“Hast du schon mal von Shangri-La gehört und von Atlantis?”

“Shangri-La ist das geheimnisvolle Land in den Bergen des Himalayas, das nur Menschen finden, die einen gewissen Bewusstseinszustand erreicht haben und ihr Leben aufs Spiel setzen, um es zu finden. Stimmt doch, oder?”

“Ja, dort wohnen unsere Brüder und Schwestern, die genauso arbeiten wie wir.”

“Sehr interessant und für mich nachvollziehbar. Aber Atlantis? Da vertut ihr euch sicher, denn dieser Kontinent ist vor vielen Jahrtausenden untergangen.”

“Ja, im Schnee. Heute liegt er tief vergraben unter ewigem Eis und Schnee, aber es gibt ihn noch.” “Wie jetzt? Wo soll er denn sein?”

“Na, denk nach, wo findest du einen großen Kontinent, der mit Schnee und ewigem Eis bedeckt ist?” “Du meinst doch nicht etwa die Antarktis?”

“Doch, genau die meine ich. Beim letzten Polsprung hat es sie erwischt. Es gibt eine sehr große Bevölkerung dort, die in riesigen Eishöhlen ganze Städte errichtet haben. Weit unter der Oberfläche. Nicht zu entdecken für den normalen Menschen mit seinen dürftigen Technologien.”

“Das erklärt jedoch Vieles”, erwiderte ich, “Über die Antarktis gibt es ja unzählige Gerüchte und unerklärbare Phänomene. Stimmt es, dass die Nazis sich dorthin zurückgezogen haben?”

“Das stimmt nur zum Teil oder indirekt. Ihr habt eine völlig falsche Vorstellung von den Hintergründen des zweiten Weltkrieges. Das können wir gerne später einmal genauer besprechen.”

Das passte. Ich hatte immer vermutet, dass der kleine und unscheinbare Maler, Adolf Hitler, nicht die treibende Kraft hinter den Dynamiken war, die den zweiten Weltkrieg ausgelöst hatten. Er war nach meinem Dafürhalten nur eine Marionette mächtiger Kräfte.

“Gibt es noch mehr von euch?” “Na klar! Was glaubst du denn?” “Ja, und wo jetzt genau?”

“Du hast doch sicher bereits von der Hohlen Erde gehört?” “Das glaube ich jetzt nicht! Die gibt es wirklich?”

Ich hatte natürlich von ihr gehört, von den Berichten Amundsens und Admiral Byrd. Irgendwie leuchtete mir das alles ein, doch fand ich die These ein wenig steil und vergaß sie mit der Zeit. “Ja, es gibt sie und sie ist berauschend schön. Hier leben auch noch andere Arten, die euch völlig unbekannt sind. Dort sind unsere Brüder und Schwestern Teil einer großen, friedlichen Allianz.” “Wer bist du?”, fragte ich die Stimme aus dem Off.

“Mein Name ist Stratus. Du wirst mich noch persönlich kennenlernen. Jetzt schlage ich vor, dass du dich mit etwas anderem beschäftigst. Das war sicher genug Information fürs Erste. Gute Nacht!” “Gute Nacht, Stratus! Und Danke!”

Nach vier Gläsern Wein war ich zu nichts mehr zu gebrauchen. Ich ging ins Bad und zog mich aus.

Ach ja, da war er, mein Cockring. Er sah wirklich gut aus. Ich trug die Goldversion von den drei Ringen, die ich mir vor einigen Wochen aus Amerika schicken ließ. Als ich vor zehn Jahren mit Andrea auf einem Tantra-Seminar war, sah ich so etwas zum ersten Mal an unserem nackten Seminarleiter. Ich bin wirklich frei von jeglichen homosexuellen Ambitionen, doch ich war fasziniert von seinem Schmuck. “Irgendwann”, dachte ich damals, “werde ich auch sowas tragen.” Naja, es hat ein wenig länger gedauert.